Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Kreisverband Cloppenburg

Ein Fahrrad fährt über einen holprigen Radweg.

Der Ausbau flächendeckender Radwegenetze in Deutschland verläuft holprig. © ADFC / April Agentur

NRVP-Halbzeitbilanz: Deutschland verfehlt seine Radverkehrsziele

Am 19.06.2026 hat das Bundesministerium für Verkehr (BMV) eine Zwischenevaluation des Nationalen Radverkehrsplans (NRVP 3.0) veröffentlicht. Sie zeigt deutlich: Deutschland verfehlt seine Radverkehrsziele in nahezu allen zentralen Bereichen.

Der Nationale Radverkehrsplan (NRVP) ist die strategische Leitlinie der Bundesregierung zur Förderung des Radverkehrs in Deutschland. Er legt Ziele, Maßnahmen und Schwerpunkte fest, um das Fahrrad als Verkehrsmittel sicherer, attraktiver und alltagstauglicher zu machen. Dazu gehören insbesondere der Ausbau der Radinfrastruktur, die Verbesserung der Verkehrssicherheit, die bessere Verknüpfung mit dem öffentlichen Verkehr sowie die Förderung des Radfahrens im Alltag und in der Freizeit. Der aktuelle NRVP 3.0. legt konkrete Ziele bis 2030 fest. Die Halbzeitbilanz zeigt: Deutschland liegt bei den zentralen Zielen des Radverkehrsausbaus nicht auf Kurs.

Rückgang der Fahrradnutzung bei Kindern und Jugendlichen

Seit 2017 ist die Verkehrsleistung des Radverkehrs lediglich um 5,4 Prozent gestiegen. Damit bleibt das Ziel einer Verdopplung bis 2030 in weiter Ferne. Auch die allgemeine Fahrradnutzung entwickelt sich deutlich zu langsam, um die ambitionierten Klimaschutz- und Mobilitätsziele zu erreichen. Besonders besorgniserregend ist der Rückgang der Fahrradnutzung bei Kindern und Jugendlichen.

Verbesserung der Verkehrssicherheit rückt in weite Ferne

Im Bereich der Verkehrssicherheit bleibt die Bilanz ebenfalls ernüchternd. Im Jahr 2024 kamen 445 Menschen im Straßenverkehr ums Leben – ein Wert auf dem Niveau des Referenzjahres 2019. Das Ziel des NRVP, die Zahl der Verkehrstoten bis 2030 um 40 Prozent zu senken, wurde bislang klar verfehlt. Der NRVP verfolgt das Leitbild der Vision Zero, also keine Toten oder Schwerverletzten im Straßenverkehr mehr. Vor diesem Hintergrund wird deutlich: Der Ausbau sicherer und durchgängiger Infrastruktur bleibt die dringendste Aufgabe der Radverkehrspolitik.

Radverkehr bleibt unterfinanziert

Auch bei der Vernetzung der Verkehrsmittel zeigen sich kaum Fortschritte. Die Intermodalität stagniert, insbesondere die Verbindung von Fahrrad und öffentlichem Verkehr bleibt hinter den Erwartungen zurück. Gleichzeitig schreitet der Aufbau durchgängiger Radverkehrsnetze viel zu langsam voran. Netzlücken bestehen weiterhin sowohl in Städten als auch zwischen Kommunen und im ländlichen Raum. Der Ausbau erfolgt vielfach punktuell und erreicht noch nicht die notwendige Systemwirkung eines flächendeckenden Netzes.

Ein weiterer zentraler Kritikpunkt betrifft die Finanzierung. Mit durchschnittlich 14 Euro pro Einwohner und Jahr wird nicht einmal die Hälfte des im NRVP angestrebten Investitionsniveaus von 30 Euro erreicht. Damit bleibt der Mittelabfluss  deutlich hinter den Erwartungen zurück, unter anderem aufgrund langer Planungs- und Genehmigungsprozesse aber auch wegen fehlender Co-Finanzierungen auf Seiten der Länder und Kommunen sowie verzögerter Projektumsetzungen.

Weichen für die Zukunft stellen

Insgesamt macht die Zwischenevaluation deutlich: Deutschland verfehlt seine Radverkehrsziele in nahezu allen zentralen Bereichen – bei der Verkehrsleistung, der Verkehrssicherheit, der Fahrradnutzung, der Intermodalität und der Finanzierung. Diese Entwicklung ist kein Zufall, sondern Ergebnis fehlender Verbindlichkeit, unzureichender Finanzierung und mangelnder politischer Konsequenz.

Die verbleibende Laufzeit des NRVP reicht kaum aus, um die bestehenden Rückstände vollständig aufzuholen. Umso wichtiger ist es, jetzt die entscheidenden Weichen für die Zukunft zu stellen. Bund und Länder sollten noch in dieser Legislaturperiode einen verbindlichen Bund-Länder-Vertrag vereinbaren, der den Ausbau bis 2030 steuert und zugleich die Weiterentwicklung des NRVP über 2030 hinaus absichert. Dazu gehören bundesweite Qualitätsstandards, ein langfristiger Finanzierungspfad, ein verbindliches Zielnetz für den bundesweiten Ausbau der Infrastruktur sowie regelmäßige Monitoring- und Berichtspflichten.

Bis 2030 muss mindestens das im NRVP vorgesehene Investitionsniveau von 30 Euro pro Einwohner und Jahr erreicht werden. Nur so lässt sich der bestehende Rückstand begrenzen und der Ausbau des Radverkehrsnetzes spürbar beschleunigen. Gleichzeitig ist schon heute ein verbindlicher Plan für den vollständigen Ausbau bis 2035 notwendig, um die bestehenden Defizite bei Infrastruktur, Verkehrssicherheit, der Verknüpfung von Fahrrad und öffentlichem Verkehr schrittweise aufzuholen.

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